Bielefelder Institut für frühkindliche Entwicklung, Diagnostik und Intervention e. V.

Lese-Rechtschreibschwierigkeiten (LRS)

Ein zentrales Problem von Kindern mit Lese-Rechtschreibschwierigkeiten (LRS) besteht darin, dass die LRS oft sehr spät - häufig erst im dritten Schuljahr oder sogar noch später - als solche erkannt werden. Dieses hat zur Folge, dass auch die Förderung der Kinder entsprechend spät beginnt und vergleichsweise langwierig und aufwändig ist, weil der Leistungsabstand zu den Kindern, die keine Probleme beim Lesen- und Schreibenlernen haben, immer größer wird. Die Kinder brauchen dann eine Lerntherapie, die als Einzeltherapie bzw. in sehr kleinen Gruppen durchgeführt wird. Therapieplätze sind knapp und es gibt meist lange Wartezeiten.

Eine wirklich entscheidende Verbesserung wäre zu erwarten,

  • wenn bei allen Kindern bereits vor der Einschulung festgestellt würde, ob sie Risikokinder für LRS sind oder nicht,
  • wenn bereits im Kindergarten mit geeigneten präventiven Maßnahmen gearbeitet würde und
  • wenn auch die Schule die besondere Förderung der Kinder mit (wahrscheinlichen) Lese-Rechtschreibschwierigkeiten von Anfang an berücksichtigen würde.

Ein zentrales Anliegen des Bielefelder Instituts für frühkindliche Entwicklung e.V. ist es entsprechend, in diesem Sinne durch die Früherkennung von Risikokindern für Lese-Rechtschreibschwierigkeiten zur Prävention von Lese-Rechtsschreibschwierigkeiten beizutragen (vgl. Modellprojekt ;Früherkennung von LRS).

Was sind Lese-Rechtschreibschwierigkeiten (LRS)?

Lese-Rechtschreibschwierigkeiten gehören zu den häufigsten Entwicklungsstörungen mit oft chronischem Verlauf. Die Betroffenen haben trotz ausreichendem Unterricht und normaler Intelligenz große Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und/oder des Schreibens. In den meisten Fällen sind sowohl das Lesen als auch das Schreiben betroffen, seltener finden sich Leseprobleme ohne Rechtschreibprobleme. Lese-Rechtschreibschwierigkeiten werden oft auch als Lese-Rechtschreibstörung, Lese-Rechtschreibschwäche, Legasthenie, Dyslexie oder auch als umschriebene Lese-Rechtschreibschwäche bezeichnet. Diese Begriffe werden jedoch weitgehend deckungsgleich verwendet.

Was sind die Anzeichen für LRS?

Kinder mit LRS haben Probleme beim Erlesen von Buchstaben und Wörtern und beim Verschriftlichen von Wörtern. Beim Lesen lassen sich folgende Probleme beobachten: In den frühen Stadien des Lesenlernens haben die Kinder Schwierigkeiten, das Alphabet aufzusagen, Buchstaben korrekt zu benennen oder einfache Wortreime wie Laus/Maus zu bilden. Später werden beim Vorlesen Wörter oder Wortteile ausgelassen, ersetzt, verdreht oder hinzugefügt. Die Lesegeschwindigkeit ist im Vergleich zu Kindern ohne Leseprobleme deutlich verlangsamt. Beim Vorlesen zeigen sich Startschwierigkeiten, häufig wird lange gezögert oder während des Vorlesens wird die Zeile im Text verloren.

Daneben zeigen sich Defizite im Leseverständnis: Betroffene sind häufig nicht in der Lage, Gelesenes wiederzugeben, und sie haben Schwierigkeiten damit, im Gelesenen Zusammenhänge zu erkennen oder Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Sollen z.B. Fragen über eine gelesene Geschichte beantwortet werden, so verwenden die Kinder ihr allgemeines Wissen als Hintergrundinformation und nicht die Informationen aus der gelesenen Geschichte.

Leseschwache Kinder haben bereits Probleme bei der Wortidentifikation und selbst, wenn diese gelingt, aber zu langsam erfolgt, kann dies dazu führen, dass die schon gelesenen Wörter nicht lange genug im Kurzzeitgedächtnis zugänglich bleiben, so dass das Satz- und Textverständnis erheblich beeinträchtigt werden. Bei schwergradigen Lesestörungen werden Lesefehler auch nach einem Hinweis auf diese nicht erkannt und Wörter, die bereits einmal richtig gelesen wurden, werden beim nächsten Mal nicht wiedererkannt und falsch gelesen.

Beim Rechtschreiben haben die Kinder große Probleme damit, einzelne Buchstaben voneinander zu unterscheiden und zu schreiben. Es fällt ihnen schwer, die richtigen Buchstaben für ein gehörtes Wort zu finden. Einzelne Buchstaben werden vertauscht. Daneben werden Buchstaben ausgelassen oder es werden andere Buchstaben zusätzlich eingefügt. Bei ungeübten Diktaten weisen die Kinder extrem hohe Fehlerzahlen auf, aber auch das Abschreiben von Texten gelingt nicht fehlerfrei. Es kommt vor, dass ein- und dasselbe Wort immer unterschiedlich geschrieben wird.

Wie häufig kommen LRS vor?

Die Angaben über die Häufigkeit von LRS schwanken ein wenig, aber es lässt sich festhalten, dass etwa 5-10% aller Kinder erhebliche Probleme beim Erwerb der Schriftsprache haben. Jungen sind etwa zwei- bis dreimal so häufig betroffen wie Mädchen. Es sind Kinder aller sozialen Schichten betroffen. Auch im Erwachsenenalter haben etwa 4 bis 6% noch nicht das Lese-Rechtschreibniveau von Viertklässlern erreicht. D.h. dass Lese-Rechtschreibschwierigkeiten sich nicht einfach "auswachsen", sondern über die gesamte Entwicklung hinweg sehr stabil sind.

Wie sieht der weitere Entwicklungsverlauf von Kindern mit LRS aus?

Im Hinblick auf die weitere schulische Entwicklung besteht die Gefahr, dass die Kinder auch in anderen Schulleistungsbereichen schlechter abschneiden. Im schulischen Bereich drohen Kindern mit LRS erhebliche Nachteile, nicht nur im Fach Deutsch, sondern auch in anderen Fächern, da ja fast die gesamte schulische Wissensvermittlung schriftsprachlich abläuft - man denke nur an Textaufgaben im Fach Mathematik. Untersuchungen haben gezeigt, dass Personen mit LRS im Vergleich zu ihren allgemeinen kognitiven Fähigkeiten ein geringeres Schulabschlussniveau erreichen und auch ein niedrigeres Berufsausbildungsniveau. Darüber hinaus ist unter den Betroffenen die Rate der Arbeitslosigkeit erhöht.

Daneben besteht die Gefahr, dass es zusätzlich zur LRS zu weiteren psychischen Begleitstörungen kommt: Kinder mit LRS weisen häufig auch andere Entwicklungsstörungen auf, die z.T. bereits im Vorschulalter diagnostizierbar sind. So weisen z.B. 60 bis 80% der Kinder Entwicklungsstörungen des Sprechens oder der Sprache auf. Als weitere psychische Begleiterscheinungen lassen sich ein geringeres Selbstwertgefühl, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme, allgemeine Lern-Leistungsprobleme, emotionale Symptome wie Schulangst, Versagensangst und depressive Verstimmungen sowie Störungen im Sozialverhalten und Disziplinschwierigkeiten beobachten.

Was sind die Ursachen für LRS?

Bei LRS handelt es sich um eine äußerst komplexe Störung, deren Ursachen bis heute noch nicht ganz genau geklärt sind. Es spielen verschiedene Ursachen eine Rolle bei der Ausbildung von LRS, die zudem auch noch in Wechselwirkung miteinander stehen können.

Genetische Disposition: Lese-Rechtschreibschwierigkeiten treten familiär gehäuft auf. Es scheint so zu sein, dass nicht die Lese-Rechtschreibfähigkeit bzw. die LRS an sich veranlagt ist, sondern vielmehr Funktionen der Sprachverarbeitung, die für das Lesen und Schreiben unabdingbar sind.

Umweltfaktoren: Vorschulische Erfahrungen mit Büchern und auch das Vorlesen durch die Eltern können sich positiv auf den Schriftspracherwerb auswirken. Es ist jedoch wichtig festzuhalten, dass geringere Vorerfahrungen mit Schrift und wenig Unterstützung durch die Eltern nicht alleine dafür verantwortlich sein können, wenn Kinder Lese-Rechtschreibschwierigkeiten ausbilden. Häufig ist es so, dass der Einfluss der Umwelt erheblich überbewertet wird und den Eltern einseitig die Schuld an den Schwierigkeiten ihrer Kinder zugewiesen wird.

Probleme bei der zentralen visuellen Informationsverarbeitung: Die meisten Kinder mit LRS weisen ein intaktes visuelles System und durchschnittliche visuelle Wahrnehmungsleistungen auf. Dennoch scheint ein kleiner Teil der Kinder mit LRS - etwa 5 bis 10% - Schwierigkeiten bei der visuell-räumlichen Wahrnehmung und Verarbeitung haben. Dies kann dazu führen, dass die Kinder z.B. Probleme damit haben, Buchstaben voneinander zu unterscheiden.

Probleme bei der sprachlichen Informationsverarbeitung: Es gibt eine ganze Reihe von Belegen dafür, dass bei Kindern mit LRS die Wahrnehmung und Verarbeitung von Sprache gestört ist. Es wird angenommen, dass unzureichende Fähigkeiten in bestimmten sprachlichen Bereichen den Schriftspracherwerb behindern - insbesondere scheint hier die phonologische Informationsverarbeitung zentral zu sein.

Phonologische Informationsverarbeitung meint die Auseinandersetzung mit der Lautstruktur von gesprochener und geschriebener Sprache. Insbesondere zwei Aspekte der phonologischen Informationsverarbeitung sind im Zusammenhang mit LRS ins Zentrum des Forschungsinteresses gerückt: Die Phonologische Bewusstheit und das Phonologische Arbeitsgedächtnis.

Unter phonologischer Bewusstheit ist die Einsicht des Kindes in die Lautstruktur der Sprache zu verstehen. Phonologische Bewusstheit bedeutet, dass ein Kind ein Gefühl dafür hat, dass sich die gesprochene Sprache aus Wörtern, Silben und Lauten (Phonemen) zusammensetzt, und dass es in der Lage ist, Wortgrenzen zu erkennen sowie Silben, Reime und Laute herauszuhören. Es wird angenommen, dass Kinder mit LRS aufgrund ihrer defizitären phonologischen Bewusstheit Probleme damit haben, die einzelnen Laute in einem Wort zu "hören" und zu erkennen. Dies führt dazu, dass die Kinder große Schwierigkeiten damit haben, ein gesprochenes Wort in seine lautlichen Bestandteile zu zerlegen oder einzelne Laute zu einem Wort zusammenzufügen. Sie haben auch Schwierigkeiten damit, den gehörten Lauten die entsprechenden Buchstaben zuzuweisen und umgekehrt den Buchstaben die zugehörigen Laute zuzuordnen.

Daneben ist bei vielen Kindern mit LRS auch das sogenannte Phonologische Arbeitsgedächtnis beeinträchtigt. Damit Kinder Laute in Wörtern erkennen können und den Lauten der Sprache die richtigen Buchstaben zuordnen können, müssen sie in der Lage sein, die Wörter, die sie gerade erlesen, kurzfristig im phonologischen Arbeitsgedächtnis zu halten. Wenn das phonologische Arbeitsgedächtnis gestört ist, haben die Kinder Schwierigkeiten damit, Gehörtes für kurze Zeit zu speichern oder sie können Gehörtes nicht genau genug speichern. Diese kurze Zeit der Speicherung oder des Festhaltens genauer lautlicher/phonologischer Informationen ist jedoch notwendig dafür, dass man das Gehörte verarbeiten kann, d.h. dass eine genaue Auseinandersetzung mit der Lautstruktur des Gehörten stattfinden kann. Wenn das Gehörte nicht lange genug und/oder nur ungenau gespeichert wird, führt dies dazu, dass Kinder gravierende Schwierigkeiten damit haben, Laute in Wörtern zu erkennen und den Lauten der Sprache die richtigen Buchstaben zuzuordnen.

Gibt es besondere Risikogruppen für die Ausbildung von LRS?

Es gibt Kinder, bei denen eine erhöhte Wahrscheinlichkeit dafür besteht, dass sie besondere Probleme beim Schriftspracherwerb haben werden. Hier sind zum einen Kinder zu nennen, deren Sprachentwicklung im Vorschulalter verzögert oder sogar gestört verläuft (vgl. Informationen zu Sprachentwicklung und Früherkennung). Zum anderen besteht bei Kindern mit einschlägiger familiärer Vorbelastung ebenfalls ein erhöhtes Risiko für LRS. Dies sind Kinder, bei denen nahe Familienangehörige (Eltern, Großeltern, Geschwister) während der Schulzeit mit gravierenden Lese-Rechtschreibproblemen zu kämpfen hatten.

Wie erkennt man LRS?

Um festzustellen, ob bei einem Kind Lese-Rechtschreibschwierigkeiten vorliegen, sollte eine gründliche testpsychologische Diagnostik durchgeführt werden. Diese Diagnostik sollte folgendes beinhalten:

  • einen standardisierten Rechtschreibtest
  • einen standardisierten Lesetest
  • einen standardisierten Intelligenztest.

Darüber hinaus sollten im Rahmen der ärztlichen Diagnostik die Hör- und die Sehfähigkeit überprüft werden.

Kann man schon bei Vorschulkindern feststellen, ob ein Kind ein Risiko für Lese-Rechtschreibschwierigkeiten hat?

Es ist nicht möglich, bereits im Vorschulalter eine LRS zu diagnostizieren, aber es gibt eine Reihe von Anzeichen, die auf ein besonderes Risiko eines Kindes für die Ausbildung von LRS hinweisen. Lese-Rechtschreibschwierigkeiten fallen nicht vom Himmel. Vielmehr liegen die Wurzeln für viele Schwierigkeiten vor dem eigentlichen Schriftspracherwerb. Insbesondere sind Kinder, deren Sprachentwicklung im Vorschulalter verzögert oder gestört verlaufen ist, als Risikokinder für LRS anzusehen. Auffälligkeiten von vier- bis sechsjährigen Vorschulkindern können z.B. Schwierigkeiten beim Erkennen von Reimen oder Silben sein. Auch Kinder, in deren Familien gehäuft LRS auftreten, tragen ein besonderes Risiko für die Ausbildung von LRS.

Es gibt seit einigen Jahren ein Verfahren, mit dem Risikokinder für Lese-Rechtschreibschwierigkeiten bereits vor der Einschulung erkannt werden können: Das Bielefelder Scvglreening zur Früherkennung von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten (BISC; Jansen et al., 2002). Das BISC sollte mit allen Kindern im letzten Kindergartenjahr (10 bzw. 4 Monate vor der Einschulung) durchgeführt werden. Mit den Kindern, die mit dem BISC als Risikokinder für LRS erkannt werden, kann dann auch entsprechend bereits vor der Einschulung mit einer gezielten Förderung begonnen werden. Ziel dieser Förderung ist es, zukünftigen Problemen beim Erwerb der Schriftsprache vorzubeugen oder diese doch zumindest abzumildern. Diese Förderung geschieht z.B. mit dem Würzburger Trainingsprogramm Hören, lauschen, lernen (Küspert & Schneider, 1999). Dieses Trainingsprogramm setzt sich aus verschiedenen Spielen und Übungen zusammen, die dem Kind einen Einblick in die Lautstruktur der gesprochenen Sprache verschaffen sollen.

Literatur:

Hasselhorn, M. Schneider, W. & Marx, H. (Hrsg.) (2000)

Diagnostik von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten

Göttingen: Hogrefe

Jansen, H., Mannhaupt, G., Marx, H. & Skowronek, H. (2002)

Bielefelder Screening zur Früherkennung von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten (BISC)

2. überarbeitete Auflage

Göttingen: Hogrefe

Küspert, P. & Schneider, W. (1999)

Hören, lauschen, lernen: Sprachspiele für Kinder im Vorschulalter; Würzburger Trainingsprogramm zur Vorbereitung auf den Erwerb der Schriftsprache

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

Küspert, P. (2001)

Wie Kinder leicht lesen und schreiben lernen. Neue Strategien gegen Legasthenie

Ratingen: Oberstebrink

Schulte-Körne, G. (Hrsg.) (2002)

Legasthenie: Zum aktuellen Stand der Ursachenforschung, der diagnostischen Methoden und der Förderkonzepte

Bochum: Winkler

Schulte-Körne, G. (Hrsg.) (2001)

Legasthenie: Erkennen, Verstehen, Fördern

Beiträge zum 13. Fachkongress des Bundesverbandes Legasthenie 1999

Bochum: Winkler

Warnke, A. & Roth, E. (2000)

Umschriebene Lese-Rechtschreibstörung.

In: F. Petermann (Hrsg.)

Lehrbuch der Klinischen Kinderpsychologie und -psychotherapie

(S. 453-476)

Göttingen: Hogrefe

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