Bielefelder Institut für frühkindliche Entwicklung, Diagnostik und Intervention e. V.

Sprache multimodal betrachtet

Wenn ein Kind zum ersten Mal „Mama“ oder „Papa“ sagt, ist das für viele Eltern etwas Besonderes. Doch die sprachliche Entwicklung eines Kindes fängt schon Monate vor dem ersten Wort an. Ein Baby ist von Geburt an Teil einer kommunizierenden Welt, es erwirbt von Beginn an Wissen über Kommunikation. Aber mit welchen Mitteln kommuniziert ein Baby?

Dyadische Kommunikation

Bereits in den ersten Lebensmonaten kann beobachtet werden, dass Säuglinge und ihre Bezugspersonen sich austauschen. Die Kommunikation zwischen einem Säugling und seinen Bezugspersonen ist zunächst dyadisch, d.h. beide reagieren aufeinander, egal ob mit Worten oder anderem Verhalten. Beim Wickeln oder dem Guck-Guck-Spiel z. B. lernt ein Säugling bereits, dass

  • sich Kommunikationspartner in der Interaktion und Kommunikation abwechseln,
  • sich das Miteinander wiederholt,
  • das eigene Verhalten, wie Blicke, Laute, Lächeln, Schreien etc. Reaktionen bei dem Gegenüber auslöst,
  • und er selbst auf das Verhalten der Bezugsperson reagieren oder dieses imitieren kann.

In das Miteinander bringt ein Säugling bestimmte Vorlieben mit. Dazu gehört die Vorliebe für Gesichter, Sprachlaute oder den direkten Blickkontakt.
In der dyadischen Kommunikation ist es die Bezugsperson, die die Interaktionen mit dem Säugling als bedeutungsvoll und intentional interpretiert. Doch die Säuglinge entscheiden schon sehr früh mit, wie die Interaktion gestaltet wird. Sie sind nämlich aktive Interaktionpartner. Die Bezugspersonen berücksichtigen das Blickverhalten des Kindes und gestalten ihr Verhalten so, dass es von den Kindern gesehen werden kann.

Das Verhalten der Bezugspersonen spielt auch eine wichtige Rolle für die spätere Entwicklung der Sprache, besonders das sogenannte an das Kind gerichtete Verhalten. Damit ist die besondere Art und Weise gemeint, mit der Eltern mit ihren Kindern interagieren. Dazu gehört z.B ein langsames Sprechtempo und kürzere Sätze. Doch ein zusätzlicher wichtiger Aspekt ist die Multimodalität: die Koordination von Sprache und Körperbewegung. Wenn Eltern mit ihren Kindern spielen, dann heben sie bestimmte Aspekte ihrer Äußerungen durch gleichzeitiges Bewegen des Körpers hervor. So bewegen sie den Kopf hin und her, passend zu ihrem Gesang, oder sie bewegen Spielzeuge vor dem Gesicht des Kindes, wenn sie sie benennen. Dieses Verhalten erleichtert es Kindern, z.B. die Grenzen von Wörtern und die Bedeutung zu erkennen.
Solche Interaktionen wiederholen sich oft in Alltagssituationen und werden so zu Routinen, in denen es dem Kind leichter fällt, seine Rolle wahrzunehmen und aktiv zu sein. Beim Guck-Guck-Spiel zum Beispiel ist es eine Rolle, das Gesicht des Gegenübers mit einem Tuch abzudecken und zu fragen: „Wo ist denn ...?“, während der Andere das Tuch wegnimmt und „Da!“ ruft. Diese verschiedenen Rollen werden zu Beginn noch vollständig von der Bezugsperson übernommen. Wird dieses Spiel aber durch wiederholtes Spielen zu einer Routine, hat das Kind die Möglichkeit, selbst aktiv daran teilzunehmen.

Triadische Kommunikation

Um den 9. Lebensmonat wird die Kommunikation dann zunehmend triadisch, d.h. dass ein Kind und eine Bezugsperson gemeinsam ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes in der Welt richten, z.B. ein Spielzeug, einen interessanten Gegenstand oder andere Personen. Ein Kind hat in den vergangenen Lebensmonaten die Erfahrung gemacht, dass sich der Blick oder die Zeigegesten eines Erwachsenen auf interessante Dinge beziehen, so dass es sich „lohnt“, diesen Hinweisen zu folgen. Genauso lernt ein Kind nun auch, dass Erwachsene sich nicht grundsätzlich für das interessieren, wofür es sich selbst interessiert. Deshalb sind Laute, seine eigenen Blickbewegungen oder Gesten die richtigen Mittel, um die Aufmerksamkeit des Erwachsenen zu lenken.
Somit beginnt ein Kind, seine eigenen Beobachtungen zu teilen und durch die Reaktion des Anderen Neues dazuzulernen.

Was haben diese Fähigkeiten mit Sprache zu tun?

Einige Studien haben gezeigt, dass solche frühen Fähigkeiten mit der späteren sprachlichen Entwicklung im Zusammenhang stehen. Die Fähigkeit, der Blickrichtung eines Anderen im Alter von 10-11 Monaten zu folgen, sagt zum Beispiel voraus, wieviele Wörter das Kind mit 18 Monaten versteht. In einer anderen Studie wurde gezeigt, dass ein Kind zwischen dem 12. und 24. Monat umso mehr Wörter spricht, je eher es der Aufmerksamkeit anderer, also zum Beispiel dem Blick oder der Zeigegeste, folgen kann.
Die Aktivitäten, in denen eine Bezugsperson und ein Kind gemeinsam ihre Aufmerksamkeit auf etwas richten, sind besonders wertvoll, weil das sprachliche Verhalten der Bezugsperson hier in einem positiven Zusammenhang damit steht, wieviele Wörter das Kind ein halbes Jahr später spricht.

Eine besondere Rolle in der Entwicklung multimodaler Mittel der Kommunikation spielt die Entwicklung der Gestik. Gerade in den letzten Jahren zeigten Studien eindrucksvoll den Zusammenhang der frühen Gesten mit dem späteren Wortschatz. Je mehr Gesten Kinder beispielsweise zu Beginn ihres zweiten Lebensjahres benutzen, desto größer ist ihr Verständnis für Wörter 2;6 Jahre später. Ebenso lassen sich anhand früher Geste-Sprach-Kombinationen wie zum Beispiel „Mama“ und gleichzeitiges Zeigen auf eine Mütze vorhersagen, wann das Kind Beschreibungen wie „Mamas Mütze“ äußern wird.
Besonders die Zeigegeste, die Kinder typischerweise um ihren ersten Geburtstag beginnen zu benutzen, ist ein wichtiger Entwicklungsschritt und kann möglicherweise voraussagen, ob Kinder ein Jahr später sprachlich typisch oder sprachverzögert sind.

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